100-Jährige (2013)

erstellt am: 11.10.2013 | von: MSchuett

100 Jahre Rathaus Schöneberg: Hochzeit, Schwarzmarkt und Randale – Hundertjährige erzählen
Ein biografisches Ausstellungsprojekt von Marion Schütt und Rita Preuß.
Das Projekt entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg
nach einer Idee und mit der besonderen Unterstützung der Stadträtin für Gesundheit, Soziales, Stadtentwicklung, Dr. Sibyll Klotz.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Ort: Rathaus Schöneberg, John-F.-Kennedy-Platz 1, 10825 Berlin-Schöneberg
Laufzeit: Fr 1.11. bis So 15.12.2013
Öffnungszeiten: täglich 9 bis 19 Uhr, Eintritt frei

Vernissage: Freitag 1.11. 2013, um 15 Uhr

rathaus-sberg_mini Einladung zur Ausstellung als PDFPDF-SymbolPressemitteilung als PDF

Neugierig auf Neues

Biographische Ausstellung mit Hundertjährigen
Acht Frauen und zwei Männer im Alter von 100 bis 105 haben sich bereit erklärt, uns aus ihrem Leben zu erzählen.
Wir haben die hundertjährigen Berlinerinnen und Berliner in ihren eigenen Wohnungen, in Seniorenheimen und in einer Seniorenresidenz in Tempelhof-Schöneberg fotografiert und interviewt. Um ein so hohes Alter zu erreichen braucht man eine gehörige Portion Humor, Unternehmungsgeist und Tatendrang. Charaktereigenschaften wie diese kommen bei den Hundertjährigen bis heute deutlich zum Vorschein.
„An allem teilnehmen, überall dabei sein“, das ist auch das Lebensmotto von Charlotte K., die mit 105 Jahren unsere Älteste ist. Mit gesundem Leben und Abstinenz hätte ihr hohes Alter nichts zu tun, sagt Ulla M., die bis heute um die Ecke vom Rathaus Schöneberg wohnt: „Nee, das möchte ich ablehnen.“ Im Gegenteil: „Wir haben viel gefeiert!“
In der neu konzipierten Ausstellung „100 Jahre Rathaus Schöneberg: Hochzeit, Schwarzmarkt und Randale – Hundertjährige erzählen“ stellen wir sie zum ersten Mal in Form von Fotos und Interviews vor.
In den Hörstationen kommen die Hundertjährigen selber zu Wort. Darüber hinaus zeigen wir auch historische Fundstücke, die ihr Leben maßgeblich bestimmt haben. „Wenn wir mal hundert werden sollten, dann bestehe ich aber darauf, dass wir im Rathaus in der ersten Reihe sitzen“, sagte Herr S., der im Jahr der Grundsteinlegung geboren wurde, vor fast 40 Jahren. Die Hundertjährigen werden in der ersten Reihe sitzen – wir freuen uns sehr, sie im Rahmen der Ausstellung im Rathaus Schöneberg wiederzusehen.
Marion Schütt und Rita Preuß

4-komplett

Kurt F.

11-komplett

Albert K.

9_komplett

Ulla M.

„Mit 100 laufen die Beine nicht mehr so schnell“

Ulla M., 101 Jahre

Ulla M. ist im Winter 1911 in Kreuzberg geboren. Sie wächst in einer Arbeiterfamilie auf und ist die Älteste von fünf Kindern. Gleich nach der Volksschule hat sich Frau M. als Stenotypistin, Kontoristin und technische Angestellte weitergebildet. Nach dem Krieg wollte sie das Casino in ihrem Sportverein übernehmen und hat daraufhin ihr Examen als Hauswirtschafterin im Pestalozzi-Fröbel-Haus in Schöneberg gemacht. Sie erinnert sich an „Reinhild, ach, von der haben wir immer als sterbendem Schwan geredet. Die machte Gymnastik mit uns“.
Schon als Kind ist Frau M. leidenschaftliche Sportlerin. „Seit dem 1.12.1929“ ist sie Mitglied im Sportverein TIB (Turngemeinde in Berlin-Tempelhof), das Datum nennt sie, ohne nachzudenken, und fügt hinzu: „Ab 60 Jahre brauchste keinen Beitrag mehr zu zahlen.“
Bis heute hat sie regen Kontakt zu ihren Sportsfreunden. Einer davon ist der siebzigjährige Heinz S., den wir in ihrem Wohnzimmer kennenlernen. Einmal im Monat leistet sich Ulla M. ein Taxi und fährt in das TIB-Casino nach Tempelhof, um ihre Freunde im Verein zu treffen. Ihre ganze Familie war aktiv, nur „meine Mutter war immer gegen den Sport“, aber darüber hat sich Frau M einfach hinweggesetzt.
Frau M. war nicht nur eine überaus erfolgreiche Handballspielerin, sondern ist durch Zufall auch zu einer ungewöhnlichen Sportart gekommen: dem Kugelstoßen. Als 14-jährige hatte sie „keine Ahnung, wie man Kugelstoßen muss“ und es einfach mal ausprobiert. Das ging auf Anhieb: „Ick hab besser gestoßen als unsere Vereinsmeisterin. Hannchen Grund heißt die. Den Namen weiß ick sogar noch, guck mal an. Hannchen konnten wir alle nicht leiden! 7,35 Meter, das war für einen Anfänger viel.“ In den dreißiger Jahren war Ulla M. Meisterin im Kugelstoßen. Wegen ihrer außergewöhnlichen Leistungen im Handball und Kugelstoßen gibt es seit kurzem sogar einen Wikipedia-Eintrag über sie.
Auch ihren Mann hat Frau M. in ihrem Verein kennengelernt, dabei war er gar nicht sportlich. Kinder hat sie keine, denn, so erzählt sie uns lachend: „Ick hatte ja Brüder genug, das hat mir gelangt.“ Geheiratet hat sie spät, erst 1960/61 in Höxter. Kurz darauf sind sie und ihr Mann in eine Zweizimmerwohnung mit Balkon gezogen, gleich um die Ecke vom Rathaus Schöneberg. Aufgrund einer Kriegsverletzung war ihr Mann schwerbehindert und saß später im Rollstuhl. Dennoch war ihr 1903 geborener Mann unternehmungslustig. Einige der Möbel und eine Kopie an der Wand von dem berühmten „Mann mit dem Goldhelm“ erinnern an ihn. Gestorben ist er 1979, da war Ulla M. schon Mitte siebzig und lebt bis heute in der gemeinsamen Wohnung allein. Nur im Haushalt hat sie Unterstützung und das Essen wird ihr gebracht. Von ihrer Küche aus kann sie direkt auf die große Rathausuhr sehen und zeigt darauf: „Ich glaube, die Uhr hat, solange wir hier wohnen, erst einmal gestreikt.“ Die Rathausuhr ist ihre Küchenuhr. Gleich gegenüber von Frau M. wohnt ein junger aufmerksamer Nachbar. Wenn sie morgens den Tagesspiegel reingeholt hat, dann weiß er, dass es ihr gut geht und alles in Ordnung ist.

Was hat dazu beigetragen, dass Sie ein so hohes Alter erreicht haben?
Ick habe schon mit 10 Jahren Sport jetrieben, im Verein. Bis 1997 hab ick bei der Gymnastik mitjemacht, einmal die Woche. Aber ick finde, wie die Gymnastik heute jemacht wird, das ist manchmal ein bisschen langweilig.

Was würden Sie der nächsten Generation raten?
Das mit dem Sport? Ach, das steht schon doch dauernd in der Zeitung. Mit dem Nichttrinken? Nee, das möchte ick ablehnen. Wir haben viel gefeiert! Geraucht habe ick aber nicht.

Vor allem von der Schlagfertigkeit und von dem Humor von Ulla M. waren wir von der ersten Minute an begeistert. Als es um ihre langjährige Mitgliedschaft im Verein geht, sagt ihr Sportsfreund Heinz S.: „Von deiner Sorte jibt’s nicht mehr so viele“, da entgegnet Ulla M. lachend: „Jetzt wär ick schon unter Sorte einsortiert.“ Beim zweiten Besuch haben wir einen dicken Aktenordner durchgeblättert: Darin bewahrt Frau M. ihre Siegerurkunden aus allen Jahrzehnten auf.

Zurück zur Übersicht